Entwicklung

Werk | Vita

Künstlerische Entwicklung

Meine ersten künstlerischen Fotografien entstanden auf der Documenta 2012, durch deren Besuch sich bei mir lange geschlossene Schleusen öffneten. In der Begegnung mit der ausgestellten Kunst und der Bewegung der Menschen in dieser Kunst entdeckte ich die Fotografie, die ich bis dahin für ein rein technisches Mittel der Abbildung gehalten hatte, als ein künstlerisches Medium, das Realität aufnimmt, aber auch in eine neue „höhere“ oder metaphorische Realität zu transformieren vermag.

So entstanden die Bilder „Mann“ und „Frau“, die 2012 für meine erste kuratierte Ausstellung „Aufbruch“ zugelassen und ausgestellt wurden.

Ein nächster Schritt waren Kollagen. Ich verarbeitete darin Begegnungen, Reisen und meine Geschichte: Ich klebte kleine ausgeschnittene und verschnipselte Kontaktbilder auf Karton, versiegelte sie verfremdend mit Wachs und fotografierte sie ausschnittweise.

In zwei großen Arbeiten löste ich so die Linearität einer eigentlich ganz unspektakulären innerstädtischen Hauptverkehrsstraße in viele Fragmente auf und komponierte die Straße neu.

Die kleine Galerie des Künstlerinnenforums bi-OWL, die in dieser Straße mit der Nr. 73 liegt, erscheint darin als Fokus, als Hotspot und Ankerpunkt eines geheimnisvollen Geschehens in dieser eigentlich gar nicht geheimnisvollen Location. Diese zwei Kollagen waren 2015 mein Beitrag zu der Ausstellung „Gratwanderung“ des Künstlerinnenforums bi-OWL.

Seit 2016 bin ich Mitglied in der WIR-Gruppe des Künstlerinnenforums bi-OWL. Meine erste Ausstellung in der WIR-Gruppe war die Format-Ausstellung, deren Auflage darin bestand, dass alle Bilder ein Format von 40x40 cm aufweisen mussten. Hier stellte ich zum ersten Mal Bilder mit meinem neuen Thema „Göttinnen“ aus. Diese Bilder waren Aufnahmen ein-und desselben Monumentalkopfes einer antiken Göttin aus verschiedenen Blickwinkeln, die Anhören, Überlegung und Erhörung durch die Gottheit zeigen. Die sehr erfolgreiche Ausstellung Format wurde mehrmals gezeigt u.a. zuerst 2016 in der Produzentengalerie 13.14 in Detmold und in der „Kunstwerkskammer“ 2016 in der Villa Weber, einer Gemeinschaftsausstellung der Künstler*innenverbände Bielefelds.

Das Thema „Göttinnen“ sollte für mich in der nächsten Zeit prägend sein. Die Darstellung dieser Monumentalgottheit aus mehreren Perspektiven präsentierte zunächst etwas Überzeitliches, Überdimensionales und Unverletzliches.

Dies zeigte sich besonders in der Out - Door - Ausstellung „Klang!Festival“ 2016 auf der Sparrenburg, wo ich sie 1,50 x 1,50 m auf Mesh zeigte.

Diese erste nur großartige Gottheit wurde im nächsten Schritt von einem Göttinnentypus abgelöst, der nun vor Allem etwas Versehrtes ausstrahlt. Diese Göttin hat keine Nase, keine Haare, und viele Verletzungen. Trotzdem vermittelt sie den Eindruck von androgyner Erhabenheit. Es entstand bei mir die Idee, diese fotografierte, zunächst zweidimensionale Göttin in gewisser Weise plastisch zu machen. Wie im Rausch verschaffte ich mir elf alte unterschiedlich große Archivkästen aus Gumbinnen, die für mich für Flucht und Vertreibung stehen, bemalte sie mit lichtblau gemischtem Lack und benutzte sie als Untergrund für elf gleiche Göttinnenbilder in Leinenstruktur. Diese Kästen stellte ich in unterschiedlichen Formationen an unterschiedlichen Orten wie auf der Treppe hinter der Kunsthalle, vor einem Dixiklo, auf dem Gelände der ehemaligen Fachhochschule und vor der Galerie des Künstlerinnenforums bi-OWL auf. Ich fotografierte sie zu Zweit, zu Dritt, oder auch alle Elf. Manchmal waren sie ganz allein, manchmal wirkten sie wie Paare auf einem Spaziergang, manchmal als unverbunden nach Liebe sich sehnende Gruppe, manchmal drückten sie aber auch Protest über Missachtung von Kunst aus.

Diese Installationsfotos, die neue Wirklichkeiten schafften und Einsamkeit und Unverbindlichkeit in der modernen Gesellschaft ausstrahlen,, stellte ich dann zum ersten Mal in einer Gemeinschaftsausstellung mit Uschi Bracker und Viola Richter-Jürgens unter dem gemeinsamen Motto „Göttinnen“ 2017 in der Galerie des Künstlerinnenforums bi-OwL aus.

Eine weitere Ausstellung im Rahmen der WIR-Gruppe war „Irreal“ 2019 zum Hundertjährigen Jubiläum des LWL-Klinikums Gütersloh. Für diese Ausstellung fotografierte ich sie in einem alten verlassenen Haus der Klinik und erzählte mit diesen Bildern, inspiriert von dem dortigen Ambiente eine Art Erlösungsgeschichte, die auch als Text „Göttinnen“ von der Schauspielerin Leonore Franckenstein während der Vernissage gelesen wurde.

Inzwischen haben auch diese Göttinnen neue Gestalt gewonnen. Ich kreierte die vier „Goldenen Göttinnen“, wobei ich jetzt eine antike, stark zerstörte goldene Göttinnenbüste fototechnisch restaurierte, aus verschiedenen Blickwinkeln fotografiert wieder zerteilte und die verschiedenen Perspektiven jeweils zu einem Bild zusammensetzte und auf den ursprünglichen Träger der Fotografien montierte, der auf einer Großbaustelle unter dem Westfalendamm auf einer Holzplanke stand. Durch diese Technik entstanden ästhetisch herausfordernde Bilder, erschreckend und verstörend, deren disruptive Erscheinung sowohl auf den globalen wie auch auf einen individuellen Prozess bezogen werden kann. In Verbindung mit Rahmen 40x40 cm groß und einer besonderen Art des Glases werden die Bilder zu mehrdimensionalen einmaligen Objekten.

Die „Göttinnen“ von uns Dreien entwickelten sich seitdem immer weiter, veränderten sich und wurden in weiteren, immer umfangreicheren Gemeinschaftsausstellungen gezeigt. Unter dem Titel „Göttinnen - Von den Höhen des Olymp in die Niederungen des Alltags“ stellte unsere Gruppe 2019 in der Galerie der Remise in Halle und im FORIUM JUNGER KÜNSTLER im Schloss Neuhaus aus. Eine weitere Ausstellung der „Göttinnen“ in RWN-Art/Neubrandenburg, nun OWL verlassend und auf Missionierung aus, musste auf 2021 verschoben werden.

 

Der neueste Typ der Göttinnen, auch diesmal im gleichen Rahmen und mit gleicher Verglasung, allerdings 50x50 cm groß, führt zwanzig Werke im Rahmen des Zyklus "ZWANZIG von Einer" an. Diesen neue Typus konnte man zum ersten Mal 2019 in der Ausstellung der „SCHAURAEUME“ sehen, einer weiteren Ausstellung aller Künstler*innenverbände Bielefelds und dann in Schloß Neuhaus im FORUM JUNGER KÜNSTLER. Über sie schreibt die Kunsthistorikerin Dr.Irene Below in ihrer Einführungsrede zu der Gruppenausstellung „Göttinnen - Von den Höhen des Olymp in die Niederungen des Alltags“ 5.8.2019 im FORUM JUNGER KÜNSTLER in Schloß Neuhaus: „In ihren neuesten Arbeiten geht Christine Halm von römischen Kinderbüsten aus, sie hat wieder Fotos von ihnen gemacht, diese wieder auf die Archivkästen montiert, die aber nun nicht als Kästen erkennbar sind. Kopf und Hals sind als Skulptur aus einer fernen Zeit erkennbar, doch die Wesen sind mit heutiger Alltagskleidung angezogen. Sie werden Zwitterwesen, Chimären, heute wären sie vielleicht Cyborgs. In Zeiten von Friday for future berühren mich/uns diese Kinder aus einer fernen Vergangenheit besonders. Wie steht es wohl um unsere Kinder und Enkel? In 2000 Jahren?“

Weitere künstlerische Aktivitäten:
Seit 2016 bin ich Mitglied im Organisationsteam der Künstler*innenverbände Bielefelds, die gemeinsame Ausstellungsflächen wie die „Kunstwerkskammer“ (2016) und die „SCHAURAEUME“ (2019) organisieren.
Seit 2018 bin ich Mitglied im Vorstand des Künstlerinnenforums.
Seit 2019 bin ich Mitglied in der Literaturgruppe des Künstlerinnenforums.